Über Kunst-Träume und Etiketten aus aller Welt

 
21.11.12

IDENTIFIZIERUNG EINER HERKUNFT

 

Nur traditionelle, historische Weine wie Sherry, Portwein, Madeirawein, Champagner, Wein aus dem Elsass, Bordeaux und Burgunder sind auf den ersten Blick sowohl von der Flasche als auch vom Etikett her unterscheidbar. Es wäre Hochverrat, wenn ein Bordeaux-Wein in einer breiten Burgunder-Flasche auftauchen würde. Oder wenn ein Burgunder in einer zylindrischen Bordeaux-Flasche aufkreuzen würde. Glücklicherweise respektieren die beiden Pioniere das Design des jeweils anderen als Hoheitsgebiet. Champagner hat eine universelle Flasche entwickelt, die in aller Welt bekannt ist. Das geht sogar so weit, dass an der bloßen Flasche die französische Herkunft und diese besondere Art des Perlweins erkannt werden kann.  Die oben genannten portugiesischen Weine sind anhand ihrer Etiketten leicht zu erkennen, die meist durch weiße Schriftzüge auf altem Hintergrund auffallen.

Mit der hochschultrigen Flasche ist ein Sherry ebenfalls einzigartig, während  die elsässischen und deutschen Flaschen durch schmale Flaschen mit gotischer Aufschrift wiedererkennbar sind.

 

 

Träume von Kunst

 

Im Jahr 1990 begann ein Jahrzehnt von tiefgreifendem Wandel, was die Qualität des spanischen Weins sowie die Sorge um die Gestaltung der Flaschen und Etiketten betraf.  Von uralten Drucken über aristokratisch anmutende Schilder sind wir zu bunten Schriftzügen und Pastellmalerei übergegangen, haben aber wenig Sorgfalt walten lassen, wenn es um die Anordnung des Textes  ging.  Es ging darum, mit  der Vergangenheit zu brechen, ohne sich über die guten Seiten der Tradition Gedanken zu machen.  Es waren übereilte Veränderungen, die jedoch kein kollektives Design bedeuteten. Den kollektiven Stil behielten nur die Sherry- und Brandy-Flaschen bei, deren etwas behäbige Etiketten nichtsdestotrotz jederzeit die Marke und Ästhetik erkennen lassen.

 

Kunstvolle Etiketten

Es ist schwierig, Kunst mit Marketing zu kombinieren, es sei denn, der Art Director ist auf das Designen von Etiketten spezialisiert. Die große Tugend der Experten in diesem Genre liegt darin, sich in den Verbraucher hinein zu versetzen. Für viele Winzer ist es schwer, die Kosten für die kreative Gestaltung eines blanken Labels in Kauf zu nehmen. Erscheint ihnen doch das Label als rein, sauber, mit wenig Text und wenig Arbeit verbunden. In Wahrheit ist es aber so, dass diese „einfachen“ Labels am effektivsten sind – aufgrund ihrer gut lesbaren Schrift und dem ästhetischen Gleichgewicht.  Ein gutes Beispiel hierfür sind die Rioja-Weine Contador und Predicador. Auf dem Hauptetikett befindet sich nur die Marke, mit ein, zwei Wörtern beschrieben. Die restlichen Informationen befinden sich auf der Rückseite des Etiketts.

 

 

Chateau-Weine aus Bordeaux und Crus  aus dem Burgund

 

Wenn sich das Etikett aufgrund seiner Geschichte in eine Ikone verwandelt, wird das Design nicht mehr in Frage gestellt. Dies ist der Fall beim Marques de Riscal und Muga y Marqués de Murrieta, deren Etiketten immer deutlich identifizierbar sind, insbesondere wegen ihres Designs. Ein Musterbeispiel sind  die Etiketten des Médoc, mit einem palastartigen Gebäude mittig platziert, das von einem Weinberg umgeben ist, auf dem wiederum das Wort „Chateau“ platziert ist. Ein oft wiederholtes Bild, das zur Identifikation eines Territoriums dient. Es ist der Stolz über den Besitz, der mit einer gewissen Raffinesse dargestellt wird. Dies geschieht ohne dass sich großartig Gedanken darüber gemacht wurde, ob das Etikett kommerziell wirkt oder nicht.

 

Es geht schließlich darum, eine Tradition aufrecht zu erhalten, die durchaus ihre Berechtigung auf den Märkten hat.  Ähnliches ist bei den Burgunder-Etiketten zu beobachten. Hier ist die visuelle Darstellung auf dem Etikett weniger relevant als der Name „Cru“, der prominent abgebildet wird. Ein weiteres klassisches Beispiel sind Champagner-Etiketten. Die Hauptattraktion bildet die Silhouette der Flasche, gefolgt von zwei unterschiedlichen Label-Modellen: die historische Variante besteht aus schwarzen oder goldenen Lettern auf weißem Hintergrund. Als zweite Möglichkeit finden wir einen dunklen Hintergrund vor, auf dem ein erhabener goldener Schriftzug thront. Nur die berühmte Dom Pérignon-Flasche mit ihrem vampirähnlichen Etikett, Veuve Clicquot mit seinem zimtgelben Hintergrund und Cristal Roederer mit seinem blumigen, eingravierten Design brechen mit der Nüchternheit und der Tradition.

 

 

Etiketten aus aller Welt

 

Moderne Etiketten

Im Allgemeinen sind die Etiketten der Weine aus der Neuen Welt aufgrund ihrer wenig avantgardistischen Reinheit und der Reduktion auf die wichtigsten Informationen sehr effektiv: genannt werden lediglich Jahrgang, Rebsorte, Anbauregion und das Land. Einer der stimmigsten Erfolge der chilenischen und argentinischen Weine auf den angelsächsischen Märkten resultiert aus der Einfachheit des Designs und einer genauen Bemessung der Buchstabengröße. Angelsachsen, Australier und US-Amerikaner sind geneigt, pflanzliche und florale Elemente aus der Natur sowie Wildtiere abzubilden: Rebhühner, Kängurus, Adler und viele weitere finden so ihren Platz auf dem Etikett. Besonders hip bei amerikanischen Designern sind Oldtimer-Modelle insbesondere aus den 50er Jahren sowie Elemente aus "Pop-Art" und "Art Deco". Für einen amerikanischen Konsumenten, der keine traditionelle europäische Weinkultur kennt, erfinden die Designer Etiketten, auf denen sie gastronomische Elemente integrieren. Hierzu gehören beispielsweise Bilder von einer Ente, einem Huhn oder einem Schwein. Dies soll dazu führen, dass es zu einer Harmonisierung des Gerichts mit dem Wein kommt.